
Pferdehaltung am Lilienhof
Unser Ziel ist es, Sport- und auch Freizeitpferden, die abseits von Turnieren geritten und gefördert werden, ein Zuhause zu bieten, das den Ansprüchen sowohl von Reiter als auch Pferd genügt. Diese Ansprüche sind kontrovers - der Reiter braucht einerseits ein Pferd, das er nach Büroalltag verfügbar hat (und nicht erst eine Stunde auf einer Koppel einfangen muß), das leicht geputzt, und - wenn nötig - medizinisch versorgt werden kann, und das konzentriert, energie- und kraftvoll mitarbeitet, ohne "auszuticken". Das Pferd wünscht sich große Koppeln, Kontakt mit Artgenossen, viel Luft und freie Bewegungsmöglichkeit. Die Kluft, die aus diesen unterschiedlichen Wünschen heraus entsteht, gilt es in einer Art und Weise zu überwinden, die für beide "Parteien" akzeptabel ist. Gerade für Reiter, die einen Hengst besitzen, wird die Sache noch viel schwieriger. Da wir selbst Hengste halten, sind wir uns der Probleme, die daraus resultieren können, bewußt, und versuchen auf unserem Hof gerade die Hengste so "großzügig" wie irgendwie möglich, aber doch so sicher wie nötig zu halten.
Zu dieser Philosophie möchten wir hier einen sehr passenden (gekürzten) Artikel aus der Zeitschrift "Pferd plus" Ausgabe 4/10 posten:
Leidensweg für Sportpferde
Die Haltung vieler Pferde –
speziell im Sportbereich – genügt diesen natürlichen Bedürfnissen
leider viel zu selten. Nach wie vor ist eine unzeitgemäße, stark
bewegungseinschränkende Stallhaltung ein einem lebensfeindlichen Stall-Kleinklima
anzutreffen, die nicht selten in der „Unbrauchbarkeit“ von Dressur-
und Springpferden mündet. Typische Auswirkungen solcher Haltungsformen
sind insbesondere durch Bewegungsmangel und zu enge Haltung bedingte Knochen-
und Sehnenschäden sowie diffuse Koliken und Stoffwechselstörungen
oder erhebliche Atemwegserkrankungen. Und dies noch zusätzlich u.a. zu
völlig richtig monierten mancherorts typischen unsachgemäßen
reiterlichen Praktiken und Konditionierungsfehlern. Viel zu wenig sind im
Übrigen die schleichend krank machenden Auswirkungen des messbaren Dauerstresses
bekannt. Grundsätzlich empfiehlt es sich, stets ernsthaft zu bedenken,
dass im Pferdeleben fast alles (die spontane Fluchtreaktion ausgenommen) nach
dem „Grundsatz der Allmächlichkeit“ abläuft und sich
viele logisch wirksam und meßbar erst langzeitlich, d.h. Mit Verzögerung,
als Befund darstellen.
(….)
So viel Natur wie möglich
Die Haltungs-Devise muss heute
spezielle auch für sportlich genutzte Pferde lauten: so viel Natur wie
eben möglich, so wenig Manipulation wie gerade nötig und tiergerecht
vertretbar.
Insbesondere einige Dressurreiter neigen – wie Befragungen zeigen –
sehr stark zu persönlichen „Komfortansprüchen“ und vermeiden
häufig im Pferdealltag für sich und die Vierbeiner möglichst
alles, was unter den Begriff „Witterungsunbilden“ zusammengefaßt
werden kann. So ist denn auch das Thermoregulationsvermögen bei vielen
falsch (= zu warm und ohne ausreichende Klimareize) gehaltenen Dressurpferden
unterdurchschnittlich trainiert. Das bedeutet u.a. unzureichendes Sauerstoffreservoir
des Blutes (= verminderte Leistungsfähigkeit), fehlende Abhärtung
und damit Infektionsgefahren schon bei geringsten Erregerdosen (......). Überpitzt
ausgedrückt: Ein Regenschauer auf dem windigen Dressurplatz während
eines Wettbewerbs hat schon manchen verzärtelten Reiter die Fassung verlieren
lassen, weil u.a. der Vierbeiner sich prompt mit der Hinterhand gegen den
Wind stellen wollte, denn jedes Tröpfchen auf der Nase war ihm –
mangels ausreichender Gewöhnung durch die heimische Haltung an unterschiedliche
Wetterlagen – unangenehm! (…..)
Moderne Dressurpferdehaltung
Tradition ist zwar emotional und
kulturhistorisch interessant, aber manchmal („bei Licht besehen“)
in der Haltungspraxis doch eher hinderlich. Und dies führt dann zu vermeidbaren
Misserfolgen.
Das bedeutet: überkommene Stallhaltungsgrundlagen (….) kritisch
überdenken, zB. Zeitlich übertriebene, beengte winterliche Stallhaltung,
eher bedenkliche Tiefstalleinstreupraktik, unhygienische und/oder einseitige,
pauschale Fütterung mit (manchmal qualitativ unzuträglichen) wirtschaftseigenen
Futtermitteln oder gar abzulehnende „gut gemeinte“ Mästung.
(…..)
Aktuell – und künftig noch stärker unter den sich verschärfenden
Wettbewerbsbedingungen – verlangt der Pferdesport einen langlebig-leistungsfähigen,
d.h. enorm „lungenstarken“ und prägnant „stahlharten“
, gesundheitlich optimal resistenten, nervenstarken vierbeinigen Athleten
mit gesunden Knochen/Gelenken, belastbaren Sehnen und Hufen sowie großen
Muskelansätzen.
Solche „Pferde-Athleten“ jeder Rasse kann man dauerhaft erfolgreich
nur halten auf der Grundlage
naturnaher Haltung mit viel Licht (UV-Einstrahlung ist für die Entwicklung
unerlässlich!)
täglich ausreichender Bewegung unter ganzjährig wechselnden klimatischen
Aussenbedingungen und
einer individuell angepassten Fütterung und Gesundheitsvorsorge (u.a.
maximale Parasitenfreiheit und sinnvolle Impfprophylaxe)
(…....)
Einzel- oder Gruppenpaddock
Was folgt daraus? Bevorzugt sind
Pferde deshalb ganzjährig in der Gruppe so naturnah und lichtstark wie
möglich zu halten. (…...)
Für die Haltung von Turnierpferden gilt dennoch kein Einheitsmuster,
da typ- und leistungsbezogene Elemente zu berücksichtigen sind. Aber:
Heute sind mindestens großflächige Außen-Einzelboxen (…...)
mit offenen Klappen bzw. mit angrenzendem Einzel- oder Gemeinschaftspaddock
obligatorisch. (…..)
Bewegungsfläche optimieren
Ideal ist für starkt beanspruchte Turnierpferde (ähnlich wie für Zuchtstuten) eine Doppelbox oder eine Normalbox mit möglichst nach Süden liegendem Außen- (Einzel-) Paddock. (…..) Verhaltenskundliche Untersuchungen belegen, dass Turnierpferde sich in engen Normalboxen nur mit unnatürlich kurzen Schritten und flächenbedingt extrem häufigen Drehungen auf engstem Raum bewegen. Dies führt u.a. zu vorzeitigem Gelenkverschleiß. Optimierung der Bewegungsfläche schon die Gelenke, es steigen Selbstbewegungsreiz und Spannungsfreiheit der Muskulatur. (…..)
Hengsthaltung
Was die Haltung
sportlich genutzter Hengste betrifft, ist diese auf dem Kontinent –
anders als zB. in Irland oder Großbritannien – überwiegend
(von rühmlichen Ausnahmen abgesehen) durch tristes, lebensfeindliches
„Nur“-Einsperren gekennzeichnet.
Eigene Experimente des Verfassers zeigen aber, dass sich gerade auch Hengste
für den Turniersport am besten in Offenställen bzw. großen
Offenboxen mit nicht zu kleinflächigen Paddocks (...50 bis 80 qm) halten
lassen, da ihr hormonbedingtes Verhalten ein extrem starkes Bedürfnis
nach Anteilnahme am Umweltgeschehen bewirkt. So kann eine tägliche Freilaufmöglichkeit
mit Blick- und Riechkontakt zu Artgenossen gewährleistet werden, entweder
durch stundenweises Laufenlassen in einem separaten Paddock oder -noch besser
- in einem dem Stall (Box oder Offenstall) direkt angegliederten, langgezogenen
Paddock, der wenigstens auch einige Galoppsprünge erlaubt (wen. 15 bis
20 m Länge sind erforderlich). Zu achten ist dabei auf eine genügend
hohe Einfriedung (….). Arbeitsfreude und Ausgeglichenheit sowie Konzentration
auf Training oder Turnier steigen durch diese Haltungsform ganz erheblich.
Wenn Hengste sich nach eigenem Bedürnis ganztägig frei bewegen und
ihre Gehlust (u.a. aufgrund von Stressauswirkungen durch Triebfrust) abreagieren
können, sind typische Probleme unter dem Sattel erheblich reduziert.
Nach Möglichkeit wird man in Reihenanlagen keine Stuten direkt neben
der Hengstanlage halten.
Bewährt hat es sich auch, mehrere Hengste (ohne angrenzende Stutenplazierung!)
in Reihenoffenställen bzw. -boxen mit Paddocks oder Auslauf-Weideparzellen
zu halten. (…..) Nun wird jeder Hengst im täglichen Wechsel einmal
in seinen (…..) Auslauf gelassen, wobei dann zwischen jedem Hengst immer
ein abgesperrter freier Paddockbereich als Abstandfläche liegt. So können
sich Hengste zwar sehen, riechen, aber nicht attackieren. Insofern besteht
für jedes Pferd, egal wie wertvoll bzw. wie intensiv genutzt, wenigstens
ansatzweise die Möglichkeit artgerecht zu leben.